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INNERE BLUTUNGEN. Dokumentarfilm coop Bogendorfer, '13.

 

Die Fotoalben meiner Familie waren ein Faszinosum, das meine Kindheit und Jugend begleitete. Immer wieder blätterte ich darin und (re)konstruierte so Geschichte. Als ich erwachsen wurde, begann mich das zu interessieren, was mein Vater damals unabsichtlich mitfotografiert hatte: Geschäfte, die es nicht mehr gibt; Mode, die schon die dritte Retrowelle durchläuft; Autos, die nicht mehr gebaut werden; die ärmlich wirkenden Interieurs der 1970er und frühen 1980er Jahre. Die Faszination für die Fotos und ihr bizarres Farbspiel erwachte neu, und damit die Faszination für die - was das Äußerliche betrifft - untergegangene Welt der 1970er Jahre in der oberösterreichischen Provinz. Also für die Zeit und den Raum, aus dem ich komme. Etwas in mir entwickelte den Wunsch, einen langen Blick in die Jahre vor und nach meiner Geburt zu werfen.

Ich begann, gleichaltrige Freunde und Bekannte um Bildspenden zu bitten und versenkte mich in die Regionalzeitungsausgaben der Jahrgänge von 1965 bis 1975. Dabei entdeckte ich einen Schatz: die von Pathos triefende Sprache eines Mediums, das sich als moralische und intellektuelle Instanz verstand und in dem verhinderte Dichter und Denker den Redakteur gaben.
Das Resultat ihrer Bemühungen wirkt heute unfreiwillig komisch bis grotesk. Ein Manifest eines autoritären Zeitgeistes, in den Worten von Karl Kraus "bis zur Kenntlichkeit entstellt."

Hunderte Stunden lang saß ich im Archiv der Stadt Bad Ischl, exzerpierte an die 200 Typoskriptseiten aus vergilbten Zeitungsausgaben und weidete mich an der Sprache wie auch an den oft schier unglaublichen Begebenheiten. Ich entdeckte eine Ära voller Widersprüche, voller Ängste, aber auch voller Unbekümmertheit und Freiräume, die es so heute nicht mehr gibt, weil alles bis ins Kleinste reglementiert ist. Eine Gesellschaft, die sich bereitwillig den in Devisen zahlenden Touristen verkaufte und gleichzeitig den "Gastarbeiter", das fremde Wesen, als Billiglohnkraft missbrauchte und ihn dabei beargwöhnte. Die naiv fortschrittsgläubig war, dabei sentimental und ungemein brutal.

Eine Handvoll dieser Begebenheiten erzählt Innere Blutungen. Aus Respekt vor allem vor den Opfern tauschte ich die Namen der handelnden Personen (wer gegen die Ordnung verstieß, wurde damals mit vollem Namen und Postadresse in der Zeitung an den Pranger gestellt) gegen frei erfundene und ließ die meisten Ortsangaben unter den Tisch fallen.

Mein Onkel Johannes Eberl eröffnete mir Zugang zum Archiv des Bad Ischler Heimatvereins und damit zu den Alben des verstorbenen Schulmeisters Franz Stüger. Geradezu obsessiv hatte er das Alltagsleben in Bad Ischl fotografisch dokumentiert. Allein aus seinen Alben scannte ich an die 2.000 Fotos ein.

Mit der Idee, aus diesem spektakulären Material einen Film zu gestalten, wandte ich mich 2010 an Anatol Bogendorfer, der sich vom Funken meiner Begeisterung anstecken ließ und mit mir ins Ungewisse aufbrach. In Ebensee bekamen wir Zugang zum Super-8-Film-Archiv der Familie Dejakum, die hunderte kurze und liebevoll gestaltete "Wochenschau"-artige Filme über das Leben in Ebensee produziert hatte - auch dies ein Schatz der Alltagskultur, den Anatol so wie viele andere tausend Meter Film, die er per Kleinanzeigen und Webauktionen organisierte, in unbeschreiblicher Mühe digitalisierte und sichtete.

Für den Soundtrack nahm ich bei Philipp Bruckschlögl im Treehouse Studio Musikfragmente auf. Ebendort schenkten uns auch der unvergleichliche Akkordeonist Martin Neureiter von der Hohtraxlecker Sprungschanzenmusi, die Gosinger Geignmusi und die Ischler Seitlpfeifer (die im Film dann doch nicht zu hören sein sollten) voll Vertrauen in unsere künstlerische Idee Traditionals aus ihrem Repertoire. Als ästhetischen Gegenpol lud Anatol den Linzer Soundkünstler Andreas Kurz aka Washer ein, die Tonspur mit seinen abstrakten Soundgeflechten zu überziehen.
Anatol ist es auch zu danken, dass es obendrein noch Raritäten aus der österreichischen Beatkultur zu hören gibt - von Bands, von denen oft nichts weiter als eine auf dem Flohmarkt gehandelte Single überdauert hat.

Als ich in den Kopf in den gebundenen Zeitungsjahrgängen begraben hatte, hörte ich die Geschichte förmlich: in meiner akustischen Vorstellung wurden sie von den Radiostimmen der guten alten Zeit im schmalzigen Tonfall des "Wunschkonzerts" im ORF-Regionalsender verlesen.
Die ORF-Pensionisten Gisela Schreiner und Jörg Schauberger sowie der fulminante Theatermann Oliver Karbus sprachen die Texte unbeschadet der von uns gebotenen Taschengeldhonorare - die Fördergelder für unseren Film flossen ähnlich bescheiden wie für eine Maturazeitung - ein und setzten perfekt um, was ich mir akustisch erträumt hatte.

Dann lag der Ball bei Anatol, der es mit Sisyphus aufnahm und die Flut von 250 Stunden historischem Filmmaterial in hunderten und aberhunderten Arbeitsstunden zu einem dichten, schweren und fordernden künstlerischen Dokumentarfilm von fast 80 Minuten kanalisierte - auf einem winzigen Schreibtisch und einem in die Jahre gekommenen MacBook.

Als ich ihn besuchte, um mir den ersten Rohschnitt mit ihm anzusehen, öffnete er mit dem Telefonino am Ohr: Christine Dollhofer ließ ihn gerade wissen, dass sie sich für Innere Blutungen als einen der vier Eröffnungsfilme des Crossing Europe Filmfestival entschieden hatte. Wir schauten uns an und dachten mit einem Anflug von Pathos: "Dafür hat sich der ganze Aufwand und die Selbstausbeutung ja dann doch gelohnt."

Filmwebsite

 

Format: DCP / color / 79 min.
Schnitt, Montage und Ton: Anatol Bogendorfer
Buch und Idee: Florian Sedmak
Musik: The Beatniks, The Earls, Gosinger Geignmusi, Andreas Kurz aka Washer, The Meadows, Martin Neureiter, The Roletts, Florian Sedmak
Sprecher: Oliver Karbus, Jörg Schauberger, Gisela Schreiner
Produzenten: Anatol Bogendorfer, Florian Sedmak
Produktion: Retro Goldmine

 

Screenings
--- Crossing Europe FF Linz 2013 / Weltpremiere als Eröffnungsfilm
--- Léhar Filmtheater Bad Ischl
--- Programmkino Wels
--- Kino Ebensee
--- Kitzmantelfabrik Vorchdorf
--- Kino Gmunden
--- Lichtspiele Lenzing



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